Abo

Hauptversammlung in LeverkusenAktionäre von Bayer wieder besser gelaunt

4 min
Die Bayer-Hauptversammlung 2017 in Bonn.

Das fehlt weiterhin und sorgt nicht nur bei Bayer-Gegnern für Verdruss: Kundgebungen vor Hauptversammlungen – hier Ende April 2017 in Bonn.

Der Konzern steht inzwischen etwas besser da. Das wird durchaus anerkannt.

Erstmals Emojis: Bayers virtuelle Hauptversammlung wird immer vielfältiger, und Norbert Winkeljohann nimmt sich am Freitag Zeit, Argumente dafür vorzutragen, warum der Konzern nach wie vor nicht zu Präsenzveranstaltungen zurückgekehrt ist. Zuletzt hatten sich Vorstand und Aufsichtsrat vorigen April eine Genehmigung der Aktionäre dafür abgeholt. Rund drei Viertel der Stimmen entfielen auf den Vorschlag, die Hauptversammlung weiterhin im Internet abzuhalten – und nicht, wie über Jahrzehnte üblich, in der Kölner Messe oder zuletzt am Bonner UN-Campus.

Die Kritik daran ist trotzdem nicht verstummt. Fast alle Redner fordern im Laufe der Hauptversammlung, dass Bayer in Zukunft wieder direkt mit den Aktionären diskutiert, also auch die Vertreter der großen Aktionärsvereinigungen.

Den Anfang macht Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Er konzediert dem Vorstand unter Bill Anderson, durchaus Fortschritte gemacht zu haben. Das zeige sich ja auch am Aktienkurs, der sich zuletzt ungefähr verdoppelt hat. Er greift allerdings die Zustandsbeschreibung des Bayer-Chefs auf, wonach die Arbeit noch längst nicht getan ist.

Milliarden für die Vergangenheitsbewältigung

Das betrifft unter anderem das Megaproblem Glyphosat. Nach wie vor wendet Bayer Milliarden auf, um US-Klagen zu vergleichen. Tüngler fasst den Effekt so zusammen: „Unser Cashflow fließt nicht in die Zukunft, sondern in die Vergangenheit.“ Und er fragt, ob eine endgültige Lösung, die vielleicht in diesem Jahr noch kommen kann, auch eine Gelegenheit für ein grundsätzliches Umdenken sein kann: Wäre das eine sinnvolle Gelegenheit, sich von der Pflanzenschutz-Sparte zu trennen?

Eine klare Antwort bekommt er dazu nicht. Vielmehr wiederholt Anderson die übliche Formel, nach der Bayer immer das bestmögliche Geschäftsmodell verfolgt. Das gelte auch für die Zusammensetzung des Konzerns. Dessen Börsenwert, auch das ist am Freitag Thema, liegt immer noch deutlich unter dem Betrag, der einst für den Kauf von Monsanto ausgegeben wurde.

Vorstandschef Bill Anderson und der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Norbert Winkeljohann

Bayers Vorstandschef Bill Anderson und der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Norbert Winkeljohann (rechts)

Crop Science, also die Agrochemie-Sparte, wird derzeit auf mehr Effizienz getrimmt. Der Produktkatalog ist deutlich dünner geworden, um die Rendite zu verbessern. Die soll künftig stabil bei 25 Prozent liegen. In den kommenden Jahren soll es zudem zehn neue Blockbuster-Wirkstoffe geben. In der Agrochemie bezeichnet das Produkte mit einem Umsatz von einer halben Milliarde Euro pro Jahr – im Pharma-Bereich ist ein Medikament ein Blockbuster, wenn es für eine Milliarde Umsatz pro Jahr steht.

In der Pharma-Sparte seien „aus Fragezeichen Ausrufezeichen“ geworden, freut sich Konzernchef Anderson. Spartenchef Stefan Oelrich sieht die „Patentklippe“ umschifft. Gemeint ist die Phase, in der Bayer-Präparate nicht mehr geschützt sind und Nachahmerprodukte auf den Markt kommen. Die sind in der Regel deutlich billiger, knapsen also beträchtlich am Umsatz ihres Erfinders. Inzwischen schaffen neue und noch länger patentgeschützte Präparate Ersatz für ehemalige Verkaufsrenner wie den Gerinnungshemmer Xarelto.

KI: Risiko oder Revolution?

Aktionär Daniel Werner stellt eine Menge Fragen zu Software und Künstlicher Intelligenz. Er sorgt sich zum einen um die digitale Souveränität des Bayer-Konzerns, zum anderen um die Sicherheit, wenn KI in großen Bereichen angewandt wird, vor allem der Forschung. Finanzchef Wolfgang Nickl versucht, ihn zu beruhigen, zeigt sich nicht vorbehaltlos euphorisch, was die Effekte von KI bei Bayer angeht, sondern sagt: „Bisher hat sich der Einsatz von KI bewährt.“ Pharma-Chef Oelrich indes äußert hohe Erwartungen. Er rechnet damit, dass Künstliche Intelligenz die Entwicklungszyklen um die Hälfte verkürzen kann.

Für einige Aktionäre ist das wesentlich schlankere Organisationsmodell, das Bill Anderson von seinem früheren Arbeitgeber Roche in der Schweiz mitgebracht hat, weiterhin interessant. Dynamic Shared Ownership, kurz DSO, hat Tausende Jobs gekostet, vor allem im Mittelbau des Konzerns. Auf Nachfrage nennt Arbeitsdirektorin Heike Prinz Zahlen, was die finanziellen Einsparungen angeht: 2024 seien es 700 Millionen Euro gewesen, im vergangenen Jahr 800 Millionen. DSO sei praktisch überall bei Bayer implementiert.

Ein Drittel der Führungskräfte sind Frauen

In ihrem Ressort fällt auch die Frage, wie es mit der Diversität bei Bayer bestellt ist. Voriges Jahr, so Prinz, habe Bayer seine Zielmarke erreicht: Ein Drittel der Führungspositionen sei von Frauen besetzt. In Zukunft werde man keine neuen Zielmarken mehr formulieren. Dass dies mit Druck zu erklären ist, den die Trump-Administration in den USA ausübt, verneint die Arbeitsdirektorin.

Ungeachtet der Tatsache, dass es auch diesmal kein tatsächliches Publikum bei der Bayer-Hauptversammlung gibt, versammelt sich am Morgen die „Coordination gegen Bayer-Gefahren“ vor dem Eingang der Konzernzentrale an der Kaiser-Wilhelm-Allee. Die Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft (AbL) fährt mit ihren Treckern vor. Ihre Sprecherinnen und Sprecher warnen vor den Folgen der neuen Gentechniken.

Zudem fordern sie, dass Bayer sich an den „immensen Behandlungskosten“ beteiligt, die bei den Berufsgenossenschaften seit der Anerkennung von „Parkinson durch Pestizide“ als Berufskrankheit bei LandwirtInnen auflaufen. Unterstützung bekommen die organisierten Bayer-Gegner vom Verein zum Erhalt der Nutzpflanzen-Vielfalt und der „Internationalen Vereinigung der ökologischen Landbau-Bewegungen“.

In der virtuellen Hauptversammlung haben Redner der „Coordination“ und der sie unterstützenden Organisationen starkes Gewicht. Die Antworten des Vorstands- und des Aufsichtsratsvorsitzenden Norbert Winkeljohann auf ihre Fragen fallen indes aus ihrer Sicht enttäuschend aus. Auch die Zustimmung zu ihren Gegenanträgen ist am Ende kaum der Rede wert.