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HauptversammlungBayer noch nicht über den Berg

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Das Werk der Bayer AG im Chemiepark in Leverkusen

Bayer befindet sich „mitten im Turnaround“, stellt Vorstandschef Anderson auf der Hauptversammlung fest. Ob der gelingt, könnte von einer Gerichtsverhandlung abhängen, die am Montag beginnt. 

Konzernchef Bill Anderson stimmt die Aktionäre auf der Hauptversammlung auf weitere Jahre des Umbaus ein.

„Die Arbeit ist nicht abgeschlossen.“ Mit dieser Mahnung wendet Bayer-Vorstandschef Bill Anderson sich heute an seine Aktionäre. In seiner vorab veröffentlichten Rede zur Hauptversammlung der AG stimmt er die Anteilseigner auf weitere Jahre des Umbaus, anhaltend hoher Verschuldung und ungewisser Dividendenausschüttungen ein.

Dividende auf gesetzlichem Minimum

Für das Jahr 2025 müssen sich die Anteilseigner bei der Dividende erneut mit dem gesetzlichen Minimum von 11 Cent je Bayer-Papier abfinden. Wer auf ein baldiges Ende der Durststrecke gehofft hat, findet dazu keine Anhaltspunkte in Andersons Rede. Bayer werde sich für die künftige Ausschüttungspolitik die „Cash- und Schuldensituation genau anschauen“. Bei diesen Bilanzposten ist zumindest kurzfristig keine Verbesserung zu erwarten. Die Leverkusener hatten bereits angekündigt, die Verschuldung werde 2026 wieder ansteigen, um Vergleiche mit Glyphosat-Klägern in den USA zu finanzieren. Es ist der zweite groß angelegte Versuch, die praktisch seit der Übernahme von Monsanto 2017 andauernden Rechtsstreitigkeiten beizulegen. Bayer hat dafür erneut bis zu 7,25 Milliarden US-Dollar an Vergleichszahlungen veranschlagt. Hinzu kommen noch die Gerichts- und Anwaltskosten, die auch in die Milliarden gehen könnten.

Urteil des Obersten US-Gerichts bis Ende Juni

Ob der Bayer-Plan verfängt, damit endlich einen Großteil der Streitigkeiten zu befrieden, wird wohl von den nächsten Wochen abhängen. Just am Montag nach der Hauptversammlung befasst sich das Oberste US-Gericht erstmals mit einem Antrag in Sachen Glyphosat von Bayer. Der Konzern will erreichen, dass eine Genehmigung für den Vertrieb des Unkrautvernichters Roundup ohne Warnhinweise zu möglichen Krebsrisiken auch für die einzelnen US-Bundesstaaten bindend ist. Die hatten teilweise das Fehlen einer solchen Kennzeichnung moniert und damit die Grundlage für zahlreiche Klagen geschaffen.

Der Vorstandsvorsitzende Bill Anderson spricht auf der Hauptversammlung 2025 von Bayer

Bayer-Chef Bill Anderson auf der letztjährigen Hauptversammlung

Bayer spricht in einer am Donnerstag veröffentlichten Stellungnahme davon, mit einem positiven Urteil des US Supreme Courts könne ein „Flickenteppich an Regelungen in den Bundesstaaten“ vermieden und die „Rechtsstaatlichkeit“ wieder hergestellt werden. Mit einem Urteil rechnet der Konzern noch im Verlauf der aktuellen Sitzungsperiode des Gerichts. Die dauert bis Ende Juni. Viele Klägerkanzleien hätten ihren Klienten geraten, das Bayer-Angebot anzunehmen, sagt das Unternehmen. Wohl auch, weil die Frist zur Annahme des Vergleichs wohl vor der Verkündung eines Urteils am US Supreme Court ablaufen wird.

„Vergleich ein taktisches Ultimatum“

Janne Werning, Leiter ESG Capital Markets & Stewardship bei Union Investment, skizziert die Strategie der Bayer-Anwälte in seiner Einlassung zur Hauptversammlung so: „Dieses Vergleichsprogramm ist kein Friedensangebot, es ist ein taktisches Ultimatum. Wer den Vergleich bis zum 4. Juni nicht annimmt, kann nach einem für Bayer positiven Supreme-Court-Urteil mit leeren Händen dastehen. Das erhöht den Druck auf die Kläger.“

Aufgehellt hat sich aus Bayer-Sicht auch der Blick auf die Pharma-Pipeline. Konzernchef Anderson spricht von einer „Revitalisierung“ und kann dabei auf die Erfolge verweisen von Nubeqa zur Behandlung von Prostatakrebs und Kerendia, das unter anderem bei chronischen Nierenerkrankungen zu Einsatz kommt. Für die nahe Zukunft macht auch Asundexian Hoffnung, das zuletzt durch ermutigende Studienergebnisse für die Prävention von sogenannten sekundären Schlaganfällen Aufmerksamkeit erregt hat. Das Medikament, das im Falle einer Zulassung in Köln hergestellt werden könnte, soll Betroffene von Schlaganfällen davor schützen, dass sich die ursächliche Durchblutungsstörung  wiederholt.

Neuartige Zell- und Gentherapien

Bayer sei außerdem die „Speerspitze im Kampf der modernen Medizin gegen Parkinson“, indem das Unternehmen sowohl eine Zell- als auch eine Gentherapie gegen die Krankheit vorantreibe. Der Bayer-Chef spricht vor diesem Hintergrund gar von einem Portfolio und einer Bayer-Pipeline im Pharmabereich, die vielversprechender seien „als je zuvor“.

Fortschritte sieht Anderson auch bei der Entbürokratisierung des Unternehmens. „Noch vor zwei Jahren funktionierte Bayer wie jeder andere internationale Konzern mit langen Weisungsketten sowie Strategie- und Budgetprozessen, die sich primär am zwölfmonatigen gregorianischen Kalender orientierten“, führt er in seiner Rede aus. Das sei nicht mehr so. Heute arbeite Bayer in „konzentrierten 90-Tage-Zyklen.“ Die Zahl der Hierarchieebenen sei ungefähr halbiert, die Zahl der Management-Positionen um zwei Drittel reduziert worden. Allein 2025 ist die Bayer-Belegschaft um rund 4700 Stellen geschrumpft.

Bayer „mitten im Turnaround“

Bei aller Zuversicht für das Geschäft und den Konzernumbau sieht der CEO sein Unternehmen aber noch immer „mitten im Turnaround“. Alle strategischen Prioritäten seien zwar „entscheidend vorangebracht worden, aber keine ist abgeschlossen“.

Die versammelten Aktionäre dürften der Einschätzung zustimmen. Die Börse hat den Zwischenerfolgen von Bayer Rechnung getragen. Der Aktienkurs ist auf Jahressicht rund 80 Prozent gestiegen. Von dem Bewertungsniveau aus der Zeit vor dem Kauf von Monsanto, als Bayer zeitweilig Deutschland wertvollstes börsennotiertes Unternehmen war, ist das Unternehmen aber noch meilenweit entfernt.