Der Sicherheitsbericht der Bahnbranche in NRW für 2025 erscheint erst im Frühsommer. Erste Ergebnisse liegen dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ aber vor. Danach nimmt vor allem die Zahl der Bedrohungen zu - um sieben Prozent. Die Belästigungen bleiben auf einen hohen Niveau.
NRW-Sicherheitsbericht sieht keine TrendwendeZugbegleiter bleibt ein Risikojob

Kein einfacher Arbeitsplatz: Zugbegleiter im Regionalverkehr in NRW werden immer häufiger bedroht und belästigt. Foto: Peter Berger
Copyright: Peter Berger
Eine aktuelle Umfrage der Bahngewerkschaft EVG unter ihren Mitgliedern zur zunehmenden Gewalt, deren Ergebnisse vor zehn Tagen öffentlich wurden, lässt aufhorchen. Danach denkt jeder dritte Mitarbeiter über eine Kündigung nach. Viele der 4000 Beschäftigten mit Kundenkontakt, die sich daran beteiligten, nannten als Grund den Anstieg von Unsicherheit und Gewalt.
Jeder dritte Mitarbeitende denkt laut EVG über Kündigung nach
Zwei Drittel von ihnen fühlen sich demnach auf der Arbeit immer unsicherer, die Hälfte hat bereits einen körperlichen Übergriff erlebt. Die große Mehrheit der Beschäftigten mit Kundenkontakt beklagt Beschimpfungen, Beleidigungen und Bedrohungen.
Doch wie dramatisch ist Lage wirklich? Die Deutsche Bahn verweist auf den Sicherheitsgipfel, der nach dem tödlichen Angriff auf den Zugbegleiter Serkan C. (36) in Rheinland-Pfalz im Februar mit Gewerkschaften sowie Vertretern aus Politik und Behörden unter anderem die Einstellung von 200 zusätzlichen Kräften bei der DB Sicherheit, eine Verbesserung der Schutzausrüstung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und eine bessere Zusammenarbeit mit der Bundespolizei beschlossen hatte. Die DB unterstrich erneut, dass „die Übergriffe auf DB-Mitarbeitende, genauso wie auf Angehörige von Polizeien, Feuerwehren und Rettungsdiensten, seit Jahren zunehmen“.
Was heißt das konkret? Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) in Gelsenkirchen beherbergt schon seit 2008 das Kompetenzzentrum Sicherheit. In der Sicherheitsdatenbank (SiDaBa), die dort gepflegt wird, speisen alle Eisenbahnverkehrsunternehmen und die Verkehrsverbünde tagesaktuell alle Vorfälle ein, die ihnen von den rund 2300 Zugbegleitern im Land gemeldet werden. Hinzu kommen noch zehn Sicherheitsteams, die immer dort zum Einsatz kommen, wo es Probleme geben könnte.
Das Melden aller Vorfälle ist den Verkehrsverträgen vorgeschrieben. Die Einträge sind in drei Stufen untergliedert: Auffälligkeiten, Ordnungswidrigkeiten, Straftaten. Die Daten sind nicht öffentlich einsehbar. Jedes Bahnunternehmen kann nur den eigenen Datensatz pflegen.
Zwei brutale Attacken auf Zugbegleiter Anfang März im Ruhrgebiet
Die beiden letzten Fälle, bei denen das Personal auf brutale Art und Weise angegriffen wurde, datieren von Anfang März. Am 4. März attackierten drei Jugendliche (15, 16, und 17) in einer S-Bahn in Gelsenkirchen bei der Fahrscheinkontrolle den Schaffner (61), prügeln und treten auf ihn ein. Einen Tag vorher wird ein Zugbegleiter in Hamm von einem Fahrgast ohne Ticket mit der Faust ins Gesicht geschlagen, weil er ihn aufgefordert hatte, den Zug zu verlassen.
„Wir haben eine gesicherte Datenlage“, sagt VRR-Vorstand Oliver Wittke. Die Zahlen werden einmal jährlich im Sicherheitsbericht veröffentlicht, der aber erst im Frühsommer erscheint. Der Trend für 2025 ist nach seinen Angaben aber eindeutig. „Es gibt keine signifikanten Abweichungen im Vergleich zu 2024. Bei den schweren Straftaten können wir sogar einen leichten Rückgang vermelden. Bei Beleidigungen ist der sogar deutlich.“

Das letzte Mittel: Polizeikräfte müssen in einem ICE der Deutschen Bahn für Sicherheit sorgen. Foto: dpa
Copyright: dpa
Dagegen sei bei Verunreinigungen und Sachbeschädigungen ein Anstieg zu verzeichnen. „Wir müssen aber leider feststellen, dass die Sitten immer mehr verrohen, Menschen sich respektlos verhalten. Die Bedrohungen haben um sieben Prozent zugenommen.“ Weiter auf „sehr hohem Niveau“ sei das Thema Belästigung mit mehr als 2500 in einem Jahr.
Auf die Anfrage des „Kölner Stadt-Anzeiger“ nach aktuellen Zahlen bei allen Eisenbahnverkehrsunternehmen, die im Regionalverkehr im Rheinland unterwegs sind, hat nur National Express ausführlich geantwortet. Danach kam es auf allen Linien über alle Verbünde hinweg im vergangenen Jahr zu insgesamt 8923 Vorfällen, davon 438 Bedrohungen, 341 Belästigungen, 781 Beleidigungen, 74 Körperverletzungen und acht Sexualdelikte. Bei 384 Kundenbetreuern sind das im Durchschnitt 23 Vorfälle pro Jahr.
Die Deutsche Bahn beschränkt sich bei ihrer Antwort auf die bundesweiten Zahlen. Danach gab es 2025 rund 3000 Übergriffe insgesamt, die Hälfte davon auf Schaffner im Nahverkehr.
Bei der S-Bahn Rheinland wird nur jeder vierte Zug kontrolliert
Doch wie lässt sich dieser Trend stoppen oder gar umkehren? Die Forderung nach mehr Zugbegleitern, die möglichst immer in Zweier-Teams in Regionalzügen und S-Bahnen unterwegs sind, ist nicht nur aus Sicht des VRR-Vorstandschefs unrealistisch. „Dazu haben wir weder das Geld noch das Personal“, sagt Wittke. Überdies könne man keinen Unterschied zwischen Zügen, Straßenbahnen und Bussen machen. „Wenn wir die Schiene einseitig bevorzugen, wäre das nicht fair gegenüber den Beschäftigten. Busfahrer und Straßenbahnfahrer sind immer allein unterwegs und nur durch eine Glasscheibe von den Fahrgästen getrennt.“
Das sieht man bei go.Rheinland ähnlich. In der Zentrale des Verkehrsverbands am Bahnhof Köln Messe/Deutz befassen sich Willi Koenen und Marcel Priwitzer seit langem mit dem Thema Sicherheit. „Wir haben vor zehn Jahren damit begonnen, das Zugbegleitpersonal deutlich aufzustocken. Beim Rhein-Ruhr-Express sind tagsüber grundsätzlich zwei Zugbegleiter im Einsatz. Bei der S-Bahn liegt die Quote tagsüber bei 25 bis 30 Prozent. Im Prinzip wird jeder vierte Zug kontrolliert. Abends sind dann ab 19 Uhr zwei Sicherheitskräfte im Einsatz“, sagt Koenen. „Diese Mindestbegleitquoten haben wir vorgegeben. Wir werden es aber weder finanziell noch vom Personal her schaffen, jeden Zug doppelt zu begleiten. Für die Fahrgäste wäre es gut, wenn in jedem Zug ein Begleiter mitfährt. Für die Sicherheit unserer Mitarbeitenden wären Zweier-Teams die bessere Alternative.“

Bodycams haben sich bewährt: Für Sicherheitsmitarbeiter bei der Deutschen Bahn sind sie unverzichtbar. Foto: dpa
Copyright: dpa
Dass Bodycams für einen besseren Eigenschutz sorgen, ist in der Bahnbranche und bei den Fachleuten unumstritten. Bei der Bahn hat sich die Zahl der Mitarbeitenden im Regionalverkehr, die Körperkameras auf freiwilliger Basis tragen, auf 1400 erhöht. Bei den Sicherheitsteams sind rund 170 Kameras im Einsatz. In NRW liegt die Quote nach den Schätzungen von go.Rheinland zwischen 25 und 30 Prozent. „Wir gehen davon aus, dass jeder zweite Zugbegleiter das wünscht Es gibt auch genug Mitarbeitende, die das nicht wollen, weil sie sich als Service-Personal sehen, also als Dienstleister und nicht als Sicherheitskraft. Vom Sicherheitspersonal wird erwartet, dass es Bodycams trägt“, sagt Willi Koenen.
