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LGBTQIA+„Es geschehen Selbstmorde, auch in Oberberg“ – Neues Projekt will Hilfe leisten

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Am 1. Mai 2026 nimmt in Waldbröl eine sichere Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen der LGBTQIA+-Community die Arbeit auf. Das Projekt ist eine Idee der Nümbrechterin Marie Brück.

Am 1. Mai 2026 nimmt in Waldbröl eine sichere Anlauf- und Beratungsstelle für Menschen der LGBTQIA+-Community die Arbeit auf. Das Projekt ist eine Idee der Nümbrechterin Marie Brück.

Der Oberbergische Kreis erhält am 1. Mai 2026 eine sichere und geschützte Anlaufstelle für queere Menschen. Ihr Standort ist in Waldbröl.

„Geh doch nach Köln. Oder nach Bonn.“ Ein guter Rat ist das nicht, vielmehr ein Ausdruck blanker Hilflosigkeit. Menschen, die sich ihrer Sexualität (noch) nicht gewiss sind, die sich weder als heterosexuell identifizieren noch sich der klassischen Zwei-Geschlechter-Gesellschaft zugehörig fühlen, erfahren in Oberberg keine Unterstützung, keinen Halt. Das ist auch die bittere Erfahrung von Marie Brück: 38 Jahre hat die heute 51-Jährige aus Nümbrecht als Mann gelebt.

„Mit dem Schritt in die Politik und meinem ersten Mandat im Jahr 2020 habe ich mich entschieden, mein Leben öffentlich zu machen und für andere Trans-Menschen da zu sein, für sie mehr als nur ein offenes Ohr zu haben“, sagt die Fraktionsvorsitzende der Grünen im oberbergischen Kreistag. „Das ist mir aber schnell zu heiß geworden – denn eine ausgebildete Therapeutin bin ich nicht. Und man muss sich immer bewusst sein: Da geschehen Selbstmorde, auch hier bei uns in Oberberg.“

Für 38 Jahre hat die heute 51-jährige Marie Brück aus Nümbrecht als Mann gelegt. Sie möchte Trans-Menschen in Oberberg mehr geben als nur ein offenes Ohr.

Für 38 Jahre hat die heute 51-jährige Marie Brück aus Nümbrecht als Mann gelegt. Sie möchte Trans-Menschen in Oberberg mehr geben als nur ein offenes Ohr.

Immer mehr Menschen aus der LGBTQIA+-Community suchen Rat bei Marie Brück. „LGBTQIA+“ setzt sich aus den englischen Begriffen für Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Transgender, Queer, Intersexuell und Asexuell zusammen, das „+“ steht für weitere Identitäten. Vor zwei Jahren wird der Nümbrechterin schließlich klar: Der Bedarf ist in Oberberg viel größer als zuvor eingeschätzt, eine Beratungsstelle muss her – ein sicherer und geschützter Raum. „Eben ein Ort frei von Anfeindung und Diskriminierung für jeden aus der LGBTQIA+-Szene und für jeden, der sich ihr verbunden fühlt und gegen Queerphobie eintritt“, führt Brück aus.

Nyke Slawik (32) ist queerpolitische Sprecherin der Bundestragsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Und sie ist Schirmherrin des Projektes „Come as you are“, das in Waldbröl angesiedelt wird.

Nyke Slawik (32) ist queerpolitische Sprecherin der Bundestragsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen. Und sie ist Schirmherrin des Projektes „Come as you are“, das in Waldbröl angesiedelt wird.

Mit dem Gummersbacher Sozialdienstleister VSB (Vermitteln – Schulen – Beraten) hat sie den Partner dafür gefunden. Am 1. Mai 2026 beginnt die Arbeit, zunächst in den Räumen von VSB in der Marktstadt Waldbröl. Während der oberbergischen „Pride Week“ in der Zeit vom 20. bis 27. Juni 2026 will sich das Team mit einem Stand auf dem Bismarckplatz in Gummersbach vorstellen. Marie Brück ist eine der beiden Kräfte. Und mit Nyke Slawik übernimmt eine prominente Grünen-Politikerin aus dem Bundestag die Schirmherrschaft.

Auch für die Freizeit, für kreatives Arbeiten und für den gemütlichen Austausch soll in Oberberg ein sicherer Raum entstehen

„Da es eine hohe Schamgrenze gibt, werden viele der Gespräche sicher erst online und auch anonym geführt“, schildert die VSB-Sozialpädagogin Alissa Triller. Sie hat das Konzept seit November 2023 ausgearbeitet und förderreif gemacht. „Im ländlichen Raum gibt es solche Angebote nicht. Diese Lücke müssen wir endlich schließen.“

Triller denkt da nicht nur an Gespräche, sondern auch an geschützte Orte, an denen etwa Freizeit unbeschwert und ohne verstörende Blicke möglich wird, einen Platz für Kreativität zudem und den zwanglosen Austausch: „Queeres Schwimmen für Regenbogen-Familien zum Beispiel oder für Menschen, die mit ihrem Körper noch nicht im Einklang sind.“

Aus Nümbrecht fließt eine hohe Fördersumme für das Projekt nach Waldbröl

Nachdem die Kölner Bezirksregierung dieses Vorhaben als sinnvoll bewertet hat, macht das in Nümbrecht ansässige Regionalmanagement des europäischen Förderprogramms Leader nun Geld dafür locker: Fast 130.400 Euro von den insgesamt benötigten rund 180.000 Euro kommen aus der Kasse des Programms, seit etwas mehr als zwei Wochen liegt der Bescheid vor. Dass diese Förderung und der Eigenanteil nicht reichen, wissen die Beteiligten: Über private Spenden und einen Förderverein, der noch zu gründen ist, soll Geld für den künftigen Betrieb fließen. „Eine erste Spende ist bereits da“, verrät Alissa Triller.

„Come as you are“, „Komm wie Du bist“ (kurz: „Caya“), ist der Arbeitstitel des zunächst auf zwei Jahre ausgerichteten Projekts, den sich Marie Brück aus dem gleichnamigen Song der amerikanischen Grunge-Punkrock-Band Nirvana von 1992 geborgt hat. Sie will vor allem junge Menschen erreichen, inzwischen hat sie eine Ausbildung in Psychischer Erster Hilfe absolviert.

Eltern erwartet sie ebenfalls. „Ein Transleben muss kein Drama sein“, betont die Nümbrechterin. „Bisweilen scheitern aber selbst Eltern, die ihren Kindern helfen wollen und allem aufgeschlossen gegenüberstehen, an gewissen Punkten.“ Doch auch von Eltern, die einem solchen Leben mit Abscheu begegnen, berichtet sie. „Gewalt ist nicht selten.“ Und niemals sei es eine Lösung, jemanden abzuweisen und wegzuschicken – „egal, ob nach Köln, Bonn oder gar Berlin oder Hamburg“.


Erster „Christopher Street Day“ in Gummersbach

Noch ist es ein gut gehütetes Geheimnis, doch die Planung läuft längst auf Hochtouren: Zum ersten Mal gibt es in diesem Jahr in Oberberg nicht nur die „Pride Week“, sondern auch einen „Christopher Street Day“ (CSD). Stattfinden soll dieser im Juni – und das in Gummersbach, auf dem Bismarckplatz.

Ausrichter ist vorerst das Netzwerk gegen Rechts, wie dessen Sprecherin Nadine Lindörfer auf Anfrage bestätigt: „Wir hoffen, dass sich ein eigenständiger Verein gründet, der den CSD dann ab 2027 organisiert.“ Die Chancen dafür schätzt Lindörfer als gut ein: „Es gibt so viele Menschen, die sich auf den ersten CSD riesig freuen und uns heute schon kräftig unterstützen.“

Zum Programm und zur Größe dieses Tages möchte Lindörfer noch keine Angaben machen: „Daran arbeiten wir gerade.“