Heinrich Becker über die wachsende Konkurrenz bayrischer Brauereien in Köln, die Bedeutung des Karnevals, und die Annahme, dass es wohl schon vor 200 Jahren eine Ballermannisierung des Karnevals gab.
Gaffel-Kölsch-Chef„Bayerisches Bier in Köln? Eine Modewelle“

Heinrich Philipp Becker, Inhaber der Kölsch-Marke Gaffel, im Brauhaus am Dom. Foto: Arton Krasniqi
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Herr Becker, der deutsche Bierabsatz geht seit Jahren zurück und hat Anfang 2026 einen historischen Tiefstand verzeichnet. Wie geht es aus Ihrer Sicht für die Brauer weiter?
Heinrich Becker: Die Zahlen des Brauereiverbandes lügen leider nicht – der Biermarkt insgesamt ist rückläufig. Man muss dabei aber beachten, von welchem Niveau der Markt kommt. Vor 20 Jahren war der Pro-Kopf-Absatz von Bier extrem hoch. Jeder hat Bier getrunken. Mittlerweile gibt es viele Alternativen. Das ändert aber nichts daran, dass Bier eines der am meisten konsumierten Getränke in Deutschland ist – Bier ist und bleibt deutsches Kulturgut. Wir gehen davon aus, dass irgendwann ein Boden erreicht sein wird.
Warum wird weniger Bier getrunken?
Es gibt einerseits viele alternative alkoholische Getränke. Aber es wirkt auch ein deutlicher Gesundheitstrend: Viele Menschen trinken grundsätzlich weniger Alkohol. Das spürt auch der Wein- und Spirituosenmarkt. Hinzu kommt das insgesamt angespannte Konsumklima. Worauf kann man verzichten? Die Leute gehen nur noch einmal in die Kneipe, wo sie früher fünf Mal waren.
Auch die Digitalisierung verändert das Ausgeh-Verhalten. Die Gastronomie konkurriert mit den Streamingdiensten. Aktuell wächst aber auch das Bewusstsein bei vielen Menschen, wie wichtig direkte persönliche Kontakte sind. Brauhäuser und Kneipen sind soziale Lagerfeuer, also Orte echter Begegnung und Gegenpole zur digitalen Vereinsamung.
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Wie genau sieht das beim Kölschmarkt aus, und insbesondere bei der Brauerei Gaffel?
Wir sind nicht das gallische Dorf, in dem es anders läuft. Der Kölschmarkt unterliegt leider den gleichen Trends. Trotzdem ist es hier anders als im Umland. Viele Menschen kommen nach Köln zum Feiern oder zu Messen. Der Standort Köln ist insgesamt interessant. Außerdem gibt immer noch eine besondere Verbindung des Kölners zu seinem Kölsch. Deshalb ist Kölsch zwar auch rückläufig, aber nicht so stark wie der Bundestrend bei Bier.
Für Gaffel sind wir mit dem Jahr 2025 zufrieden. Wir haben übergreifend ein Absatzplus erzielt und bewegen uns mit unserem Ausstoß um 450.000 Hektoliter. Angesichts der aktuellen Marktbedingungen ist das keine Selbstverständlichkeit, sondern das Ergebnis einer vorausschauenden und konsequenten strategischen Ausrichtung. Auch für das Jahr 2026 sind wir sowohl für unser Kerngeschäft als auch für unsere Innovationen sehr optimistisch.
Die Privatbrauerei Gaffel zählt seit Jahrzehnten neben Reissdorf und Früh zu den drei größten Herstellern von Kölsch. Sie wurde 1908 in Köln gegründet. Der Name Gaffel Kölsch leitet sich von den Kölner Gaffeln ab, die 1396 der politische Arm der Zünfte und der Handelsherren in Köln waren. Die Brauerei hat geschätzt 140 Mitarbeiter. Seit 2014 ist Heinrich Philipp Becker Geschäftsführer des Familienunternehmens.
Spielen andere Biersorten eine wachsende Rolle in der Kölner Gastroszene?
In der Kölner Gastronomie ist der Anteil von Pils oder anderen Biersorten verschwindend gering. Ein Alt vom Fass ist in Köln unmöglich zu finden. Der Kölner steht sehr zu seinem Produkt. Es gibt die vier Säulen von Köln: Das ist der Dom, der FC, Karneval und eben Kölsch. Die einzige Sprache, die man trinken kann.
Trotzdem gibt es auch in Köln Gastronomiebetriebe, die zusätzlich auf Bayrisch Hell setzen, am Heumarkt etwa. Bayrisch Hell wird zwar ganz anders gebraut, ist aber vom Geschmack wie Kölsch ein sehr mildes Bier.
Werden wir schleichend bayerisiert? Ist das eine Bedrohung für die Kölsch-Kultur?
Köln als Millionenstadt mit starkem Tourismus ist natürlich für Brauereien von außerhalb attraktiv. Man sieht das auch an der Präsenz von internationalen Braukonzernen mit Marken wie Peroni, dem polnischen Tyskie oder dem bayerischen Spaten. Aber das sind aus meiner Sicht nur Trends. Was vor einigen Jahren das Weizenbier war, ist eben heute Bayrisch Hell. Aber ja, bayerische Folklore wird in der Stadt aktuell sichtbarer. Wie nachhaltig das ist, wird sich zeigen. Wir nehmen es erstmal als Modewelle.
Sicher? Ein bisschen scheinen Sie von der Sache schon angepiekst.
Wenn sich das verfestigt, muss uns lokale Unternehmer das stören. Die Kölner Brauereien schaffen vor Ort Arbeitsplätze und zahlen Steuern. Und es ist immer nachhaltiger, zu lokalen und regionalen Produkten zu greifen und beim Bier in Köln ist das Kölsch. Kölsch kommt von hier und hat objektiv betrachtet beim Konsum in Köln die beste CO2-Bilanz. Mir erscheint das dann massiv widersprüchlich, wenn Biere 600, 700, 800 Kilometer mit dem Lkw angekarrt werden müssen. Zudem werden viele lokale Institutionen vom kleinsten Verein bis zum FC sowie Kunst und Kultur von uns unterstützt. Ein derartiges Engagement findet seitens der bayrischen Brauereien nicht statt.
Wie entwickelt sich der Marktanteil von Gaffel?
Wir entwickeln uns positiv. Wir haben jedes Jahr steigende Marktanteile. In der Gastronomie ist mehr als jedes dritte gezapfte Kölsch ein Gaffel Kölsch. Im Handel ist die Tendenz ebenfalls sehr positiv. Wir setzen aber auch klar auf neue Produkte und diversifizieren uns. Wir stellen uns auch im wachsenden alkoholfreien Bereich breiter auf.
Was ist konkret das nächste Produkt?
Gaffel Kölsch ist das solide Fundament, auf dem wir aufbauen. Als Erfinder der Fassbrause haben wir frühzeitig dem Trend nach alkoholfreien Produkten Rechnung getragen. Mit Pink Grapefruit haben wir erfolgreich die vierte Sorte Fassbrause eingeführt. Auch in diesem Jahr werden wir mit mehreren Innovationen im Bereich der alkoholfreien Biere aufwarten und unser Portfolio ausdehnen.
Welchen Anteil haben Fassbrausen und Wiess am Geschäft?
Wir machen circa 20 Prozent unseres Absatzes mit Fassbrause und unserem alkoholfreien Kölsch. Auch sind wir mit der Entwicklung unseres Wiess, dem Vorgänger des Kölsch, sehr zufrieden.
Welchen Einfluss hat das jeweilige Messejahr auf Ihr Geschäft?
Man sieht in der Gastronomie ganz klar positive Ausschläge, wenn gerade eine große Leitmesse wie die ISM oder die Anuga in Köln stattfindet. Wir merken auch, ob turnusgemäß ein starkes oder schwaches Messejahr ist.
Sie sind Stadionsponsor beim FC, bleibt das so?
Nächstes Jahr sind wir seit 25 Jahren Partner des FC. Und wir haben diese intensive Partnerschaft langfristig verlängert. Fußball ist im Großen wie im Kleinen einer unserer zentralen Marketing-Punkte. Ich bin Mitglied beim FC, das ist eine absolute Herzensangelegenheit. Ich liebe es ins Stadion zu gehen und die Höhen und Tiefen mit dem Verein zu erleben.
Höhen und Tiefen durchlebt die Gastronomie auch im Karneval. Stichwort Ballermannisierung …
„Karneval“ ist eine Marke, die für die Stadt und die hier ansässigen Unternehmen ein fantastischer Schatz ist. Es kommen viele Menschen deshalb in unsere Stadt. Natürlich sind wir dagegen, dass die Menschen betrunken über die Straßen laufen oder wildpinkeln. Aber es gibt genug professionelle Akteure in der Stadt, die sich mit Konzepten dieser Probleme annehmen könnten. Man kann dem Herr werden. Ich finde, man darf den Karneval nicht schlechtreden. Karneval ist Kölner Kulturgut. Der Wirtschaftsfaktor Karneval – Kostüme, Gastro, Hotels – ist doch enorm, wir profitieren. Und Hand aufs Herz, wenn man sich mal historische Dokumente ansieht: Auch vor 200 Jahren hat es eine Art Ballermannisierung gegeben. Das ist ja kein Phänomen, dass plötzlich entstanden ist. Im 19. Jahrhundert gab es ähnliche Zustände. So alt wie die Fastenzeit ist auch der Gedanke, dass man an Karneval Spaß hat.

