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Weltfrauentag„Natürlich ist aufgefallen, dass der OB zu Beginn nur Männer ausgewählt hat“

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Eine Ampelfrau an einer Lichtsignalanlage in Hamm.

Eine Ampelfrau an einer Lichtsignalanlage in Hamm.

Julia Pedersen, die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln, erwartet eine konsequente Parität überall da, wo Entscheidungen getroffen werden. Also auch im Amt von OB Torsten Burmester. 

Frau Pedersen, Sie sind vor zwei Jahren als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln angetreten, um Köln „in Sachen Gleichstellung zur Vorzeigestadt Europas“ zu machen. Wo steht Köln im europäischen Vergleich?

Julia Pedersen: Wir haben in Köln ja schon seit 2004 einen Beschluss zum Gender Mainstreaming. Das ist aus meiner Sicht der einzige Weg, nachhaltig Geschlechtergerechtigkeit zu leben und sie sowohl in der Verwaltung als auch in der Stadtgesellschaft zu verankern.

Was genau bedeutet das?

Der Begriff bezeichnet die Verpflichtung, bei allen Entscheidungen die unterschiedlichen Auswirkungen auf Männer und Frauen in den Blick zu nehmen. Das müssen wir konsequent in allen Bereichen umsetzen, aber da hapert es mir in Köln an der einen oder anderen Stelle noch. Wien zum Beispiel hat schon vor über 30 Jahren in der Städteplanung damit angefangen, alles in der Logik von Gender Mainstreaming zu planen. Das heißt, bei jedem Planungsprojekt wurden geschlechterdifferenzierte Daten erhoben und man hat geschaut, wer mehr oder weniger von einem bestimmten öffentlichen Raum profitiert und wie man ihn gerechter gestalten kann.

Julia Pdersen, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Köln und Leiterin des Amtes für Gleichstellung von Frauen und Männern.

Wie kann das konkret aussehen?

Besonders gut kann man das am Beispiel einer Kleinstadt in Schweden erklären: Da hat man geschaut, wo geräumt wird, wenn Schnee fällt. Zuerst auf Straßen, dann auf Fahrradwegen, dann auf Fußwegen. Aber wer bewegt sich auf diesen Wegen? Wenig überraschend sind es auf den Straßen häufig einzelne Autofahrer, also Männer, die auf dem Weg zu Arbeitgebern waren. Auf den Fahrradwegen waren hauptsächlich Mütter mit kleinen Kindern unterwegs. Und auf den Fußwegen Seniorinnen, die zum Einkaufen gingen.

Und, wurde etwas geändert an den Abläufen der Schneeräumung?

Ja, die haben es einfach umgekehrt. Jetzt werden zuerst die Fußwege geräumt, dann die Fahrradwege, dann die Straßen. Das kostet die Gemeinde nichts, macht aber das Leben gleichberechtigter. Das kann man in einer Stadt auf alle Planungen und Abläufe im öffentlichen Raum anwenden.

Am Sonntag ist Weltfrauentag. Warum braucht es einen solchen Tag weiterhin?

Wir haben leider immer noch keine Parität in allen Entscheidungsgremien dieser Stadt, dieses Landes, dieser Welt. Innerhalb der Stadtverwaltung haben wir inzwischen auf der Ebene Amtsleitung eine 50:50-Aufteilung. Von 44 Amtsleitungen sind 22 Männer und 22 Frauen. Das ist ein grandioser Erfolg, den ich feiere. Aber die aktuelle Besetzung im Verwaltungsvorstand bereitet mir Sorgen, dem gehören nur zwei Frauen an.

Das sind die Kämmerin Dörte Diemert und die Stadtdirektorin Andrea Blome, die allerdings im Juni in Rente geht. Die weiteren sieben Dezernenten und der OB sind Männer.

Genau. Als Gleichstellungsbeauftragte erwarte ich, dass wir im Verwaltungsvorstand Parität herstellen. Genauso wie beispielsweise bei jeder Bürgerinnen- und Bürgerbeteiligung. Wir müssen die Lebensrealitäten aller Menschen in unsere Entscheidungen und Planungen einbeziehen.

Die Besetzung der Dezernentenstellen wird von den Ratsparteien politisch ausgehandelt, da der Rat die Dezernenten wählt. Haben Sie als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt da Einfluss?

Rein rechtlich nicht, nein. Ich bin nicht einbezogen in die Besetzung von Wahlbeamtinnen- und Wahlbeamtenstellen. Ich kann nur an die Politik appellieren und sagen: Bitte schlagt Frauen vor, damit wir nicht ab diesem Sommer nur noch eine Frau im Verwaltungsvorstand sitzen haben.

Kölns neuer Oberbürgermeister Torsten Burmester hat in seinem OB-Amt für die Führungspositionen um sich herum, die er selbst neu besetzen konnte, ausschließlich Männer ausgewählt. Haben Sie ihm gegenüber schon ein Machtwort gesprochen?

Natürlich haben sich sehr viele Frauen, sowohl aus der Stadtgesellschaft als auch aus der Verwaltung, an mich gewandt, die sich zumindest gewundert haben über diese Besetzungen. Das habe ich dem OB gespiegelt. Insgesamt ist die Verteilung in seinem Amt besser, aber natürlich ist aufgefallen, dass der OB selbst zu Beginn nur Männer ausgewählt hat. Eine konsequente Parität überall da, wo Entscheidungen getroffen werden, muss einfach Usus werden. Ich habe diese Themen schon vor 20 Jahren im Studium mit Kommilitonen diskutiert, und es hat sich seither nicht nur nichts geändert, es fühlt sich sogar so an, als würden wir Rückschritte machen.

Sie sind alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern. Hat Ihre Chefin, die Stadtkämmerin, Verständnis, wenn sie am Nachmittag ihre Kinder abholen?

Als Amtsleitung, also nicht als Gleichstellungsbeauftragte, die qua Gesetz weisungsfrei ist, ist Frau Prof. Dr. Diemert meine Vorgesetzte und sie hat ganz großes Verständnis, sie unterstützt das Thema Führen in Teilzeit und steht hinter ihren Amtsleitungen, sowohl im Bereich Vereinbarkeit als auch fachlich. Und bei wichtigen Angelegenheiten, wissen wir immer, wie wir uns gegenseitig erreichen können. Meine Kinder kennen sowohl das Dezernatsbüro als auch den Ratssaal von innen. In der Vergangenheit in meiner Karriere hatte ich aber auch schon männliche Vorgesetzte, die da sehr gut mit umgehen konnten und die sich auch mit dem Thema unbezahlte Sorgearbeit auseinandergesetzt hatten. In Deutschland werden jährlich 117 Milliarden Stunden unbezahlte Sorgearbeit geleistet, davon 72 Milliarden, die ausschließlich von Frauen getragen werden. Dem entgegen stehen nur 61 Milliarden Stunden jährlich in der Erwerbsarbeit. Das ist ein Problem, dem man nicht allein mit guter Führung beikommen kann, sondern das wir gesamtgesellschaftlich angehen müssen. Diesen Zeitverlust, den Frauen haben, die 44 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit leisten, den kann man direkt in Machtverlust übersetzen.

Oder Geldverlust.

Ja. Frauen sind öfter finanziell abhängig. Frauen sind öfter von Altersarmut bedroht. Frauen, insbesondere Mütter, haben keine zusätzliche Zeit, um beispielsweise Start-ups zu gründen. Ich habe die aktuellen Zahlen der Köln-Business vorliegen. Danach haben in Köln nur 20 Prozent aller Start-ups überhaupt eine Frau im Gründungsteam. Frauen, insbesondere Mütter, haben auch weniger Zeit, abends noch mit auf ein Feierabendbier zu gehen, bei dem oft karrieretechnisch Relevantes informell besprochen wird. Aber Frauen halten unser System am Laufen.

Auf Führungspositionen wird oft immer noch gern gesehen, dass man bis 17, 18, 19 Uhr im Büro anwesend ist.

In der Stadtverwaltung haben wir tatsächlich eine hohe Quote an teilzeittätigen Führungskräften, 380 arbeiten bei uns in Teilzeit.

Und wie viele davon sind Frauen?

Genau das ist der Punkt. Davon sind über 80 Prozent Frauen. Wir können Führung in Teilzeit zu einer gelebten Praxis machen, aber es ändert nichts an dem gesamtgesellschaftlichen Problem, dass Frauen weiterhin die Masse der unbezahlten Sorgearbeit tragen und deshalb eher in Teilzeit arbeiten müssen. Ich habe schon eine Schicht Kinder und Haushalt hinter mir, wenn ich ins Büro komme. Dann arbeite ich erwerbstätig. Dann muss ich meine Tochter aus der Kita abholen und mache wieder eine Schicht Kinder und Haushalt. Und wenn die Kinder im Bett sind, arbeite ich alles das ab, was ich nicht in Präsenz erledigen muss.

Was wäre die Lösung?

Es muss möglich sein, dass Erwerbsarbeit und Sorgearbeit nebeneinander existieren, ohne in einen Burn-out zu führen. Und das muss für alle gleichwertig gelten. Die Art und Weise, wie wir heute arbeiten, ist vor 100 Jahren entstanden. Da haben wir noch alle in Mehrgenerationenhäusern gelebt, wo dann Oma, Opa, Onkel, Tante die Kinder übernommen und den Haushalt mitgetragen haben. Heute leben wir in Nuklearfamilien, in denen wir das Gleiche nicht leisten können.

Sehen Sie eine Chance, dass wir irgendwann keine Gleichstellungsbeauftragte mehr brauchen und auch keinen Weltfrauentag?

Ich hoffe es sehr. Sonst würde ich es morgens nicht mehr schaffen, mich aus dem Bett zu bewegen und diesen Job zu machen. Aktuell sehe ich aber eben eine Rückentwicklung, die mir große, große Sorgen bereitet.