Augustin Hadelich begeisterte in der Kölner Philharmonie mit dem ersten Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch.
Kölner PhilharmonieNoblesse, wo andere Geiger kratzen und beißen

Der Geigen-Virtuose Augustin Hadelich
Copyright: Suxiao Yang
Wenn Augustin Hadelich in der Kölner Philharmonie spielt, dann ist das immer ein Ereignis. Dabei ist der deutsch-amerikanische Geiger alles andere als ein extrovertierter Podiums-Matador. Bei ihm leuchtet alles von innen; es ist ein Violinspiel, das durch seine Natürlichkeit besticht, durch einen emphatischen Schönheitswillen, durch die Fähigkeit, noch die schlichteste Phrase mit Poesie zu füllen.
Beim Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester stand das erste Violinkonzert von Dmitri Schostakowitsch auf den Pulten, das 1947 in einer Zeit starker Repressionen durch die sowjetische Kulturpolitik entstand. Es ist eine Musik der lastenden Reflexionen, der einsamen Monologe, aber auch des bitteren, grimmigen Humors. Da gibt es lange Wanderungen durch Seelenwüsten und Brachlandschaften, die Augustin Hadelich mit einem sanft insistierenden, den Saal ohne jeden Druck füllenden Ton durchmaß.
Augustin Hadelich hat eine Vorliebe für die Fiddler-Kultur entwickelt
Die starken Spannungen dieser Musik lösen sich im manischen Furor von Scherzo und Finale: Andere Geiger kratzen und beißen da nach Herzenslust; Hadelich dagegen wahrte auch hier Noblesse und Zurückhaltung und zeigte, unter welchen Mühen der Komponist seine inneren Kämpfe mithilfe einer strengen formalen Korsage im Zaum hielt. Deren Fesseln warf der Solist dann aber in der großen Kadenz vor dem Schlusssatz nach und nach ab – eine emotionale Entladung, die man so kaum erwartet hätte und die daher eine enorme Wirkung zeigte.
Augustin Hadelich lebt seit über 20 Jahren in den USA und hat hier eine besondere Vorliebe für die amerikanische Fiddler-Kultur entwickelt. In dieser Tradition steht auch Coleridge-Taylor Perkinsons „Louisiana Blues Strut“, mit dem sich der Geiger für den begeisterten Applaus bedankte. Unnötig zu sagen, dass Hadelich auch in dieser Musik weit mehr findet als Tanzlaune und unbeschwertes Lebensgefühl: Da war eine große Raffinesse im geigerischen Detail zu hören, eine Freude am rhythmischen Hakenschlag und der subtil angeschleiften Tongebung.
Unter Leitung von Dima Slobodeniouk öffnete das WDR Sinfonieorchester dem Solisten weite Räume mit beeindruckender Tiefenstaffelung. Räume zu öffnen, schien überhaupt die zentrale Idee des russisch-finnischen Dirigenten, auch in den flankierenden Werken von Jean Sibelius, der Tondichtung „Pohjolas Tochter“ und der zweiten Sinfonie. Nun fällt es dem hochgewachsenen Maestro vergleichsweise leicht, mit seinen langen Armen eine entsprechend „öffnende“ Gestik zu entfalten – aber natürlich braucht es vor allem den starken künstlerischen Willen, diese Musik nicht auf Schwere und Massivität hin anzulegen, sondern auf freien Atem, auf ein vorwärts gerichtetes Pulsieren und den ungehinderten Durchfluss von Licht und Luft.
Das in jeder Hinsicht exzellente und hochmotivierte Spiel des WDR Sinfonieorchesters machte es dem Dirigenten leicht, seine Ideen zu verwirklichen. Die rasierklingenscharfe Artikulation der Streicher im Scherzo, die wunderbar flexiblen Bläser-Soli, der weite, körperhafte Klang vor allem in den tiefen Orchester-Regionen – all das fügte sich zusammen zu einer Sibelius-Interpretation von markantem Charakter, aber ohne Klischee.

