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Sommerblut-FestivalEine Bühne für ukrainische Kriegsversehrte und Frauen aus der JVA

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Die Gruppe Converge+ des Choreografen Idio Chichava gastiert mit ihrer Produktion „Dzudza“ beim Sommerblut-Festival

Das Kölner Sommerblut-Festival feiert 25-jähriges Bestehen. Die neue Ausgabe startet Mitte Mai.

Laufen und springen, das könne er schon, sagt Serhii, dessen Beinprothese von einer Hose im Tarnmuster verborgen ist. Bald, scherzt der Ukrainer mit dem Armee-Rufnamen „Schuhmacher“, werde er auch Saltos schlagen. Serhii war Geschäftsmann, bevor er sich an die Front meldete, um die Ukraine gegen die russischen Aggressoren zu verteidigen. Nachdem er schwer verwundet worden war, hatten ihm ukrainische Ärzte eröffnet, dass beide Beine amputiert werden müssten. In Deutschland konnte dagegen eines gerettet werden.

Jetzt nimmt Serhii am Stück „Un/Zerbrechlich“ von Futur3 teil, mit dem am 13. Mai das Sommerblut-Festival im Orangerie-Theater eröffnet wird. Basierend auf Interviews und selbst erzählten Geschichten, fragt das Kölner Ensemble: Wer sind die Menschen, die freiwillig in den Krieg zogen? Und wie sieht der zweite, unsichtbare Kampf aus, den sie auf deutschen Klinikfluren ausfechten mussten?

Solidarität ohne Selbstbeweihräucherung

„Solidarität“ lautet das Motto der diesjährigen Ausgabe des Sommerblut-Festivals, mit der Kölns unerschrockenste Kulturveranstaltung zugleich ihr 25-jähriges Bestehen begeht. Ohne Selbstbeweihräucherung, sondern mit einem Programm, das der gesellschaftlichen Lage mit bemerkenswerter Hartnäckigkeit ins Gesicht schaut. 17 Orte, 28 Projekte, 60 Aufführungen, über 200 Künstlerinnen und Künstler – die schiere Größe des Vorhabens ist beeindruckend. Noch beeindruckender ist der Wille dahinter. Seit 2022, sagt Sommerblut-Leiter Rolf Emmerich, habe sich das Festivalbudget um die Hälfte reduziert: „Es gibt keine großen Geldgeber mehr. Die Finanzierungen brechen uns weg. Wir haben keinen großen Förderer mehr, wie die EU oder die Aktion Mensch. Umso mehr brauchen wir Bekenntnisse für die Unterstützung durch das Land, die Stadt und die gesamte Stadtgesellschaft.“

Die sollte längst erkannt haben, wie viele relevante Themen das Sommerblut in 25 Jahren auf die Bühne gebracht hat: Demenz, Tabu, Flucht, Rausch, Macht oder Angst. Wie viel das Festival für die Teilhabe an Kultur getan hat – und wie es mit jeder neuen Ausgabe Wege zur besseren Inklusion findet.

Es gibt keine großen Geldgeber mehr. Die Finanzierungen brechen uns weg.
Sommerblut-Leiter Rolf Emmerich

Einer der berührendsten Abende der diesjährigen Ausgabe wird wohl die Aufführung von „Schweigen“ in der JVA Köln-Ossendorf sein. 18 Performerinnen aus den Frauengefängnissen Willich und Köln stehen gemeinsam auf der Bühne, bilden einen Chor, der von Würde erzählt, von Mut und von der Kraft solidarischer Verbundenheit. Zum weiteren Programm gehören unter anderem das Solo „Wer hat meinen Vater umgebracht?“ vom Studio Trafique nach Édouard Louis; der multimediale Kunstparcours EchoTrace, der sich dem Thema Altern widmet, sowohl mithilfe von Virtual Reality als auch mit ganz konkreten Berührungen; und die Performance „Tell Me Why“, in der das queere Theaterkollektiv Petra P. den Einbruch der Aids-Epidemie im Köln der 1980er Jahre aufarbeitet, mit dem nötigen Ernst, aber auch nicht ohne Witz.

Das traditionelle Klimaschutz-Projekt des Festivals heißt diesmal „The Birds Republic“ und lädt das Publikum zu einer theatralen Bustour von Köln und Aachen nach Bürgewald ein, dem früheren Morschenich, einem Ort zwischen Tagebau, Hambacher Forst, Leerstand und Vision. Wo einst 500 Menschen lebten, wohnen heute noch zwölf Alteingesessene, zwölf Aktivisten und rund 120 Geflüchtete. Gemeinsam mit diesen Menschen, mit Wissenschaftlerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen, soll vor Ort eine Republik der Vogelfreien gegründet werden.

Zum Abschlusswochenende vom 22. bis 24. Mai wird das Festival im Schauspiel Köln gastieren, in allen drei Depots und auch draußen, im Carlsgarten. Die Veranstaltungen reichen hier von der Podiumsdiskussion („Solidarität unter Druck – Verantwortung in der Kultur“) bis zum Punkkonzert, vom Tanzabend aus Mosambik bis zum „CircusDance“ der Akrobaten und Akrobatinnen des Overhead Project im Depot 1 oder auch zur Tanzperformance „Work-Party“ von Michael Turinsky, einer der prägnantesten Stimmen in der Disability-Arts-Szene.

Andere Projekte führen auf den umstrittenen Kalkberg oder mit der „Mad Pride“-Demo durch Mülheim. Und eine Ausstellung zum Jubiläum gönnt man sich auch, die eröffnet am 14. Mai in den Kunsträumen der Stiftung Michael Horbach.

Das Sommerblut-Festival findet vom 13. bis 24. Mai 2026 statt. Das ganze Programm finden Sie hier