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Interview

Kölner Politologe Jäger
„Trump weiß wirklich nicht, was er tut“

6 min
US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz. (Archivbild)

US-Präsident Donald Trump bei einer Pressekonferenz. (Archivbild)

Der Kölner Professor Thomas Jäger spricht über Trumps Krieg gegen den Iran, den freundlichen US-Kurs gegenüber Moskau und die Schelte für Europa.

Donald Trump attackiert Deutschland und Europa, US-Senator Lindsey Graham spricht von Arroganz, weil die USA von ihren Verbündeten keine Unterstützung im Krieg gegen Iran bekommen. Gleichzeitig zeigt sich Russland amüsiert über den westlichen Disput. Weiß Donald Trump noch, was er tut?

Thomas Jäger: Nein, er weiß wirklich nicht, was er tut. Und das betrifft einerseits die Ziele, die erreicht werden sollen, aber auch, wie man vorgegangen ist. Trump erzählt immer, es sei ein „kleiner Ausflug“, den er da unternehmen will. Das ist die Art und Weise, wie er das im Inneren herunterspielt. Auch die kindischen Kriegsvideos des Weißen Hauses dienen diesem Zweck. Trump konzentriert sich völlig darauf, seine Basis bei der Stange zu halten – und das gelingt ihm auch. Da hat er die Zustimmung zum Krieg von etwa zwanzig auf über achtzig Prozent hochbekommen.

Das ist verblüffend, oder? Wenn man bedenkt, dass etwa US-Vizepräsident JD Vance sich stets als absoluter Kriegsgegner positioniert hat, ganz konkret auch gegen einen Krieg gegen den Iran. Nun wirkt der US-Vizepräsident ziemlich still.

Vance ist momentan ruhig. Das ist erstaunlich. Man kann beobachten, dass Trump wirklich derjenige ist, der die MAGA-Leute steuern und mitziehen kann – selbst bei Sachen, die sie eigentlich abgelehnt haben. Trump setzt dabei auf eine immer gleiche Kernbotschaft: Die anderen sind die Verrückten und wir haben gewonnen. Aber was Trump bisher eben nicht erklären kann, ist, was die USA im Iran eigentlich erreichen wollen.

Die Begründung für den Krieg ändert sich gefühlt täglich: Mal wollte der Iran ein Attentat auf Trump begehen, mal wollte er Israel angreifen, mal hatte er morgen eine Atombombe. Was glauben Sie, ist die tatsächliche Motivation?

Trump wird irgendwann eine Entscheidung darüber treffen müssen, was der Zweck des Ganzen ist und wann man sagen kann, jetzt hat man den Zweck erreicht. Er hat in seiner ersten Kriegserklärung vier Ziele genannt: keine Nuklearwaffen, keine ballistischen Waffen, keine Unterstützung für die Proxys und ein Regimewechsel. Nichts davon wird dauerhaft erreicht. Was ihm aber Sorgen machen müsste, ist die Frage: Wo ist das angereicherte iranische Uran? Solange das nicht außer Landes geschafft wird, kann Trump nie sagen, dass er den Iran davon abgehalten hat, eine Nuklearmacht zu werden.

„Das hätte Trump im Zeitraffer im Iran genauso machen können“

Auch ein Regimewechsel scheint bisher in weiter Ferne.

Richtig. Wenn man diese Ziele erreichen wollte, dann hätte man zuvor bereits alles anders gemacht. Der Iran hat in Gesprächen die Bereitschaft für eine Regelung gezeigt, das angereicherte Uran abzureichern und außer Landes zu bringen. Wie das 2015 umgesetzt wurde. Das war ein Punkt, der schon auf dem Tisch lag. Jeder mit Weitblick hätte da gesagt: Jetzt lass uns erst einmal das Uran außer Landes bringen, dann können wir immer noch Krieg führen. Im Grunde wäre das die Methode gewesen, die Kremlchef Wladimir Putin zeitlich gestreckt in der Ukraine gewählt hat: Erst nimmt man den Ukrainern die Nuklearwaffen weg, dann gibt man ihnen einen Vertrag – und dann startet man den Krieg. Das hätte Trump im Zeitraffer im Iran genauso machen können.

Also könnte man provokant sagen: Obwohl Trumps Politik für Wladimir Putin oftmals hilfreich ist, lernt er nicht einmal von ihm.

Absolut. Das ist der zentrale Punkt. Jetzt zu sagen, irgendwo liegen diese 400 Kilo Uran, keiner weiß genau wo, und jetzt machen wir uns einfach wieder aus dem Staub – das wird Trump am Ende nicht verkaufen können.

Thomas Jäger ist Professor für internationale Politik an der Universität Köln.

Thomas Jäger ist Professor für internationale Politik an der Universität Köln.

Aber auf dieses Szenario läuft es doch gerade hinaus, dass Trump eines Tages einfach verkünden wird: Wir haben gewonnen!

Ja. Aber würde er das jetzt sagen, würden viele außerhalb seiner MAGA-Blase sagen: Nein, das ist kein Sieg. Ihr habt den Iran zwar kaputtgebombt und der benötigt nun 20 Jahre, um alles wieder aufzubauen – aber die Herrschaft des Regimes ist trotzdem noch intakt. Innerhalb seiner Blase mag er das vielleicht als Sieg verkaufen können. Die große Frage ist jedoch: Konzentriert er sich weiterhin allein auf diese Gruppierung? Er ist ja nicht bestrebt, irgendjemandem außerhalb zu erläutern, was er da tut. Es kann aber natürlich sein, dass die realen Kriegsziele von denen abweichen, die deklariert werden. Das wäre nicht unüblich. Dennoch würde man in diesem Fall aber mit anderen Regierungen sprechen und denen erklären: Das ist, was wir nach außen sagen, und das hier ist unser ernsthaftes Ziel.

„Immer mehr Trump-Jünger kommen in den Kongress“

Der CDU-Politiker Dennis Radtke hat den Verdacht geäußert, dass der ganze Iran-Krieg und der damit einhergehende unkooperative Umgang mit Europa nur einen Vorwand schaffen sollen, um aus der NATO auszusteigen. Halten Sie das für denkbar?

Dass Trump das will, ist bekannt. Das wurde ihm in der ersten Amtszeit immer wieder ausgeredet. Damals brachte er diese fixe Idee ungefähr alle zwei Wochen vor. Nun hat er erklärt, den Ausstieg könne er auch ganz allein vollziehen – ohne die Zustimmung des Kongresses. Rechtlich ist das umstritten – es gäbe darum also juristischen Streit und die Republikaner würden zur Hälfte gegen einen solchen Schritt rebellieren. Es hat also vorrangig innenpolitische Gründe, warum er bisher auf den NATO-Ausstieg verzichtet. Allerdings hören viele seiner parteiinternen Kritiker bald auf – und immer mehr Trump-Jünger kommen in den Kongress.

Dass Russland von Trumps Vorgehen oftmals profitiert, sorgt bereits jetzt für scharfe Kritik, auch von Republikanern. Die jüngsten Attacken auf die NATO-Partner und im Speziellen auf Europa wurden vom russischen Sondergesandten Kirill Dmitrijew etwa euphorisch bejubelt. Nimmt Trump das in Kauf, ist ihm das schlichtweg egal oder steckt dahinter eine Strategie, bei der Russland gestärkt und China dadurch geschwächt werden soll?

Bei Trump sehe ich keine Strategie, weil er gar nichts durchdenkt. Er ist in diesen Fragen auch völlig uninformiert. Er liest nicht, er kennt die unterschiedlichen Facetten dieses ganzen Geflechts nicht. Aber er lässt sich gern ködern mit Projekten jeglicher Art, die nach Profiten klingen. Und genau das macht Putin jetzt fast seit einem Jahr: einen Köder nach dem anderen auswerfen. Die Idee, dass man Russland auf die Seite der USA ziehen könnte, ist in Trumps Kopf überhaupt nicht drin, er sieht gar keinen unauflösbaren Konflikt mit China. Trump hat ein Weltbild, in dem die USA, Russland und China drei starke Männer sind, die alles untereinander ausmachen. Wenn sie sich einigen, dann regieren sie die Welt. Wenn sie sich nicht einigen, dann gibt es eben Krieg.

„Für Trump gibt es keine rote Linie“

Ab wann könnte Trump denn innenpolitisch tatsächlich in Gefahr geraten mit seinem Kurs? Gibt es eine rote Linie, bei der er den Rückhalt der Republikaner vollständig verlieren könnte?

Nein, für Trump gibt es keine rote Linie. Das hat er jetzt belegt, indem er die Meinungsausrichtung seiner eigenen Unterstützer hinsichtlich des Iran-Kriegs erfolgreich gedreht hat. Wenn im November wirklich freie Wahlen stattfinden, was ja weiterhin nicht klar ist, könnten die Demokraten aber den Kongress übernehmen. Dann ist zu vermuten, dass sie ein Amtsenthebungsverfahren anstreben würden – Gründe genug dafür finden sie. Es wird jedoch dennoch keine Mehrheit geben, ihn dann auch tatsächlich zu verurteilen. Aber es würde dann Anhörungen geben und für Trump würde dann alles etwas nickliger. Trump würde aber dennoch weiter mit Dekreten arbeiten, den Kongress ignorieren und vor Gericht auf Zeit spielen. Es gibt niemanden, der für die folgenden Jahre die Bremse hineintreten könnte.

Trumps jüngste Attacken galten explizit auch Deutschland und der Haltung der Bundesregierung, die sich nicht am Iran-Krieg beteiligen möchte. Halten sie Berlins Vorgehen für richtig, klar zu sagen: Das könnt ihr allein machen? Oder hätte es andere Wege gegeben?

Ich glaube, die deutsche Reaktion hat mehr mit den anstehenden Wahlen in Rheinland-Pfalz zu tun als mit den Entwicklungen im Persischen Golf. Weder für Boris Pistorius noch für Kanzler Friedrich Merz oder Johann Wadephul bestand eine Veranlassung, so zu reagieren – soweit ich weiß, gab es nämlich überhaupt keine offizielle Anfrage aus den USA. Da hätte man sagen können: Es gibt diesen Truth-Social-Post des US-Präsidenten, warten wir mal ab, was die wollen. Das so konfrontativ zu machen, fand ich unnötig.

Grundsätzlich kann man die Ablehnung inhaltlich nachvollziehen: Die USA haben unter Trump die Unterstützung für die Ukraine massiv gesenkt – und ihren eigenen Verbündeten wie Dänemark zwischenzeitlich mit der Annexion Grönlands gedroht. Nun wollen sie von denen, die sie gestern noch bedroht haben, plötzlich Hilfe. Ein anderes Vorgehen wäre dennoch richtig gewesen?

Bei den Fällen, die Sie aufgezählt haben, ist es ja anders gemacht worden. Man hat immer versucht, Trump zu besänftigen. Man weiß zwar, dass das am Ende nichts bringt. Aber ihn zu verärgern, bringt noch weniger. Deswegen wäre es aus meiner Sicht nicht notwendig gewesen, so zu reagieren. Man hätte auf das verweisen können, was man bereits leistet, und abwarten können, was Trump wirklich will. Aber das wollte man nicht.