Abo

Der dritte FrühlingNettersheimerin entwickelt Gärten für an Demenz erkrankte Menschen

5 min
Ulrike Kreuer sitzt in ihrem Garten in Nettersheim auf einer blauen Bank.

Verschiedene Ruheplätze finden sich auch im privaten Garten von Ulrike Kreuer.

Gegen die Flut des Vergessens: Für ihre Demenzgärten wurde Ulrike Kreuer aus Nettersheim mit dem bundesweiten Tilia-Preis ausgezeichnet.

Ein besonderes Konzept der Gartengestaltung wird derzeit bundesweit beachtet. Mit ihrem Ansatz, Gärten anzulegen, die besonders für an Demenz erkrankte Menschen geeignet sind, hat die Nettersheimerin Ulrike Kreuer den Tilia-Award gewonnen. In der Kategorie „Pflanzen und Gesellschaft“ wird ihre Arbeit mit dem Preis gewürdigt, der vom Netzwerk Urban Utopia ausgelobt wurde, zu dem im Gartenbereich tätige Firmen und Planungsbüros sowie das Center for Corporate Architecture and Spatial Identity in Berlin zählen. In insgesamt fünf Kategorien und diversen Unterteilungen sind die Preise verliehen worden.

Ulrike Kreuer wird vor allem den Nettersheimern durch ihre Beratungstätigkeit für die Gemeinde bei der Gestaltung von Spielplätzen und oder Privatgärten bekannt sein. Doch eigentlich liegt ihr gärtnerischer Schwerpunkt seit vielen Jahren in einem ganz anderen Bereich. „Der dritte Frühling“ nennt sie ihr Konzept, Gärten so anzulegen, dass sie besonders für Demenzerkrankte nutzbar sind.

Kreuer wünscht sich demenzsensible Bereiche in Parks

Ein Konzept, mit dem sie von 2002 bis 2021 bundesweit unterwegs war, um Kurse und Workshops abzuhalten, um den Menschen ihren Ansatz nahezubringen. „Dann wurde durch den Corona-Lockdown meine Zielgruppe weggeschlossen“, sagt sie. So wenig wie möglich sollten die Senioren die Pflegeheime verlassen und so wenige Besucher wie möglich hinein. Nicht nur finanziell war das ein Bruch für Kreuer, da der Kontakt zu den Senioren einer der Schwerpunkte ihrer Arbeit ist.

Kreuer, Gärtnerin, Gartenbauingenieurin und Gartentherapeutin, hat in verschiedenen Projekten, unter anderem in Bolivien in der Entwicklungsarbeit, gearbeitet. Kurz nach der Jahrtausendwende habe sie sich gefragt, wie ihr beruflicher Weg weitergehen soll. „Meine Lieblingsgruppe sind alte Menschen. Wenn ich ihnen den Zugang zur Natur ermöglichen kann, geht mein Herz auf“, sagt sie. Sie habe sich selbstständig gemacht und weitergebildet, um mit an Demenz erkrankten Menschen zu arbeiten.

Ulrike Kreuer schneidet in ihrem Garten in Nettersheim vertrocknete Stauden aus dem Vorjahr ab.

Im Frühjahr geht Ulrike Kreuer daran, die Stauden des Vorjahres abzuschneiden. In ihren Gärten sollen zahlreiche besondere Ecken zu entdecken sein.

Zu sehen ist die Hand einer Frau, die ein grünes Blatt der Wollziest-Pflanze hält und damit über die Innenseite eines Unterarms streicht.

Die Blätter des Wollziests eignen sich dazu, das Fühlen anzuregen.

Aus Holz gestaltet ist der Tilia-Award, mit dem Ulrike Kreuer aus Nettersheim ausgezeichnet wurde.

Mit dem Tilia-Award wurde die Nettersheimerin Ulrike Kreuer ausgezeichnet.

Das Thema rücke verstärkt in den Fokus. „Es kommt aus der Nische, denn jeder hat mit dem Thema zu tun. Viele haben Eltern, die an Demenz erkrankt sind“, so Kreuer. Zwei Drittel der Erkrankten werden zu Hause betreut. Was zu Problemen führen kann: „Was machen die bei schönem Wetter? Es hat ja nicht jeder einen Garten.“ Kreuers Vorschlag: In Parks sollten demenzsensible Bereiche angelegt werden, ähnlich denen, die für Kinder bereitgehalten werden. „Dort können sich auch Angehörige vernetzen und einen Augenblick der Ruhe finden.“

Ein Garten fördere Erinnerungen und Aktivitäten, lasse alte Fähigkeiten und sinnliche Wahrnehmungen wiederaufleben. Ohne es speziell zu thematisieren, werde die Mobilität trainiert. „Wenn jemand nicht gut das Gleichgewicht halten kann, in den Garten geht und sieht, dass die Rosen gezupft werden müssen, dann steht der auf einmal gerade und zupft die Rosen“, beschreibt sie einen Effekt. Aufrecht stehen, anders atmen – das sei im Garten möglich.

Nettersheimerin will mit ihren Gärten alle Sinne ansprechen

„Es geht um die Körpererinnerung, wenn die Menschen nicht mehr aussprechen können, was sie fühlen“, sagt Kreuer. Das gehe auch bei Demenz nicht verloren. Der Körper werde gefühlt und müsse eine Antwort erhalten – angeregt werden: „Du nimmst die Farbe wahr, oder du fühlst, wenn du mit einem flauschigen Blatt über den Arm gestreichelt wirst.“ Wie dem Wollziest, dessen haarige Blätter Kreuer genau für diesen Zweck einsetzt. Minze riechen. Auch mal etwas Unangenehmes gehört dazu, denn: „Ein Garten ist kein Ponyhof. Es geht um die Tatsache der Reaktion, nicht deren Qualität.“ Dann sei der Mensch nah an seiner Identität, die ihm in der Demenz verloren gehe.

Doch ein Klavier in einem Raum sei noch keine Musiktherapie, betont Kreuer. Sie versuche, mit stimulierenden Farben und Düften zu arbeiten. Wenn sie mit jemandem spazieren gehe, der unruhig sei, könne der Stress abfließen. Der Tag-Nacht-Rhythmus könne genauso synchronisiert werden wie das Verhältnis zu den Jahreszeiten. „Garten ist ein Lebensraum“, sagt sie.

Stauden und regionale Pflanzen sind wichtige Elemente

Dieses Angebot sei sehr niedrigschwellig. „Wenn ich mit einer Gruppe arbeite und vielleicht Stauden zurückschneiden will, dann macht das jeder nach seinen Fähigkeiten“, sagt Kreuer. Und das kann ganz unterschiedlich sein. Manche sitzen nur dabei, andere haben gute Ratschläge, wieder andere schlafen in der Sonne, die nächsten halten die Schere. „Der Garten wirft Anker aus, die helfen, in der Flut des Vergessens nicht unterzugehen“, so Kreuer.

Für den Tilia-Preis gab es laut Kreuer drei Nominierte pro Kategorie, die einen Pitch von sieben Minuten halten mussten. „Wir standen dann auf dem Flur, teilweise Architekten mit Großbüros von 50 Mitarbeitern, und haben sehr gelacht. Denn es war wie beim mündlichen Abitur“, erinnert sie sich. Im Juli werde sie bei einer Tagung des Netzwerks einen Vortrag über ihre Tätigkeit halten.

Auch wenn der Garten rund um ihr eigenes Haus nicht als Demenzgarten angelegt sei, seien doch einige der wichtigen Prinzipien zu sehen. „Das sind zum Beispiel Sichtachsen, die Orientierung bieten, Übersichtlichkeit, Barrierefreiheit, viele Bänke und Sitzgelegenheit, wo man ausruhen kann“, erläutert Kreuer. Gerne arbeite sie mit Stauden sowie auch mit regionalen Pflanzen – in Bayern könne das der Hopfen sein, in der Eifel der Feuerdorn.


Bücher zum Thema

Ulrike Kreuer ist nicht nur Ingenieurin für Gartenbau, Gartentherapeutin, Gärtnerin für Obstbau und Ausbilderin im Garten- und Landschaftsbau, sondern auch Autorin.

Zwei Bücher hat sie bereits veröffentlicht, ein drittes entsteht gerade. „Gartengestaltung für Menschen mit Demenz – Ein Praxisbuch für den Alltag“ ist im Jahr 2020 erschienen, hat 192 Seiten und ist unter der ISBN 978-3258081885 im Haupt-Verlag erschienen. „Das Gartenjahr für Menschen mit Demenz: Für Draußen und Drinnen“ ist im Jahr 2022 unter der ISBN 978-3497030958 im Ernst Reinhardt Verlag erschienen und hat 180 Seiten. Beide Bücher kosten je 29,90 Euro.