Normalerweise gilt Gold in Krisenzeiten als sicherer Hafen – aktuell allerdings nicht. Ein Experte erklärt, für wen eine Anlage nun wieder lohnend erscheint.
Iran-KriegWarum bei Gold in dieser Krise alles anders ist

Gold hat in dieser Krise seine Rolle als sicherer Hafen nicht erfüllt, aber warum?
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Gold ist seit jeher eines der begehrtesten Materialien der Welt. Könige schmückten sich damit, Piraten erbeuteten es, praktisch in jeder Epoche der menschlichen Zivilisation war Gold wertvoll und erstrebenswert. In den vergangenen zehn Jahren, geprägt von ungeahnten Krisen wie Corona, dem russischen Überfall auf die Ukraine und Jahren anhaltender Rezession, schien Gold immer mehr wert zu werden.
Von den frühen 1980er Jahren bis zur großen Finanzkrise 2008 dümpelte Gold mehr oder weniger bei umgerechnet 500 Euro je Feinunze dahin. Die darauffolgenden Krisen zeigten: Gold wird von den Anlegern als sicherer Hafen gesehen. Gold bringt zwar weder Zinsen noch Dividenden, entpuppt sich aber vor allem in Krisenzeiten als sicherer Hafen. So lernen es Bankkaufleute und Wirtschaftsstudenten seit Jahrzehnten. Und in den vergangenen fast 20 Jahren bewahrheitete sich diese Regel wie im Lehrbuch.
In der Krise großer Andrang bei Goldhändlern
Bei jeder neuen Krise am Horizont „flüchten die Anleger in Gold“, wie es stets in den Wirtschaftsnachrichten heißt. Gold kletterte kontinuierlich nach oben, stetig, schnell, zuletzt mit zunehmender Geschwindigkeit. Von 500 Euro in den späten Nuller Jahren auf fast 4600 Euro. Wichtig zu wissen: Gold wird in Dollar gehandelt. Und auch weil dieser schwächelte, knackte Gold zu Jahresbeginn die psychologisch wichtige Marke von 5000 Dollar. Der Run auf Gold war so groß, dass sich vor den Edelmetallhändlern an der Kölner Straße „Unter Sachsenhausen“ Schlangen bildeten und bestimmte Münzen lange Lieferzeiten hatten.
Doch dann kam der völlig überraschende Angriff der USA und Israels auf den Iran. Den gängigen Regeln zufolge hätte der Konflikt dem Gold mal wieder ein Schub geben müssen. Doch diesmal kam es anders. Der Goldpreis schmierte so stark ab, wie man es seit Jahrzehnten nicht gesehen hat. Bei Kriegsausbruch kostete die Unze 4600 Euro, wenige Tage später nur noch 3800. Was war geschehen, warum funktioniert das „sicherer Hafen“-Modell bei dieser Krise nicht mehr?
Wir raten immer zum Gold-Kauf für Kunden, die einen langfristigen Anlagehorizont haben. Sie müssen sich relativ sicher sein, dass Sie innerhalb der nächsten fünf Jahre das Geld nicht brauchen
Önder Çiftçi ist Gründer und Geschäftsführer der Ophirum GmbH. Vor der Gründung des bankenunabhängigen Anbieters von Edelmetallen im Jahr 2010 war er bei verschiedenen Banken in führender Position tätig, er gilt als ausgewiesener Edelmetall-Experte. Ophirum betreibt ein weitreichendes Netz mit mehr als 40 Standorten in Deutschland. „Normalerweise geht man immer davon aus, dass bei Krisenzeiten die Leute natürlich in risikoärmere Assetklassen gehen, und da spielt Gold traditionell eine Rolle. Jetzt haben wir das Problem, dass wir im Gold eine fulminante Rallye gehabt haben. Das heißt, wir waren schon bei Gewinnmitnahmen, und dann kam dieser Konflikt. Und dieser Konflikt hat ja weitgehend Einfluss auf unser aller Leben“, sagt Çiftçi im Interview mit unserer Redaktion.
Damit meint der Goldhändler zum Beispiel die exorbitant gestiegenen Benzinpreise der letzten Tage und Wochen. Sicherer Hafen? „Im Moment ist für die meisten Menschen der sicherste Hafen Liquidität“, sagt Çiftçi. Das gilt für Privatanleger, aber eben auch für Institutionelle wie Zentralbanken oder andere Finanzakteure. Das erkläre auch die Ausmaße dieses Preisverfalls.

Önder Çiftçi ist Gründer und Geschäftsführer der Ophirum GmbH
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Der Goldverfall hat aber noch eine weitere Ursache, die nur mittelbar im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg steht, und das ist der Zins. Und mit Blick auf steigende Inflation in den Staaten des Westens hoffen viele Finanzakteure darauf, dass die Notenbanken die Zinsen anheben. „Zinsen sind der natürliche Feind von Gold. Das muss man einfach so sehen. Je höher die Zinsen sind, desto attraktiver sind Zinsanlagen, was die Alternative Gold unattraktiver macht“, so Çiftçi. Allein schon die Hoffnung auf höhere Zinsen hat den Goldpreis also gedrückt. „Solange Sie hohe Zinsen haben und die Zinssenkungen sich auf sich warten lassen, wird das immer einen Einfluss haben“, sagt der Goldexperte.
Getrieben oder gedrückt werden die Goldpreise in den letzten Jahren immer stärker von Tagesnachrichten. 2009 betrug die damals größte Preisänderung über Nacht von Börsenschluss bis Börseneröffnung 16 Dollar. Heute sehe man laut Çiftçi tägliche Schwankungen von mehrere hundert Dollar. „Das ist im Endeffekt tatsächlich darauf zurückzuführen, dass auch im Gold die Tagesaktualität immer eine größere Rolle spielt“, sagt Çiftçi.
Eine dritte Komponente, die den Preis bestimmt, ist der Kurs des US-Dollars. „Grundsätzlich kann man sagen, dass es zwischen Dollar und Gold eine Korrelation gibt. Ist ja auch logisch, insbesondere für uns im Euroraum, weil Gold international in Dollar gehandelt wird. Bei einem starken Dollar müssen wir eben mehr Euros aufbringen, um Gold zu kaufen. Bei einem schwachen Dollar wiederum bedarf es für den Erwerb von Gold weniger Euros“, erklärt Çiftçi.
Der Goldpreis-Anstieg ist zunächst eine reflexartige Erholungsbewegung. Es bleibt abzuwarten, ob Iran die Bedingungen tatsächlich erfüllt
Mit den Waffenstillstandsankündigungen vom Mittwoch hat sich die Lage am Goldmarkt mal wieder gedreht. Der Goldpreis ist am Mittwoch deutlich gestiegen und hat zeitweise den höchsten Stand seit fast drei Wochen erreicht, nachdem US-Präsident Donald Trump eine vorübergehende Pause amerikanischer Bombardierungen und Angriffe auf den Iran angekündigt hatte. Die Entscheidung dämpfte kurzfristig die Sorge vor einer weiteren Eskalation im Nahen Osten und den daraus resultierenden Inflationsrisiken durch steigende Energiepreise.
Marktbeobachter sehen in der jüngsten Aufwärtsbewegung vor allem eine spontane Erleichterungsrallye. „Das ist zunächst eine reflexartige Erholungsbewegung. Es bleibt abzuwarten, ob Iran die Bedingungen tatsächlich erfüllt", sagte der Metallhändler Tai Wong am Mittwoch. Aus charttechnischer Sicht seien beim Goldpreis insbesondere der 200-Tage-Durchschnitt bei 4930 US-Dollar sowie die psychologisch wichtige Marke von 5000 US-Dollar entscheidende Widerstände.
Aber ist die Lage am Goldmarkt so, dass man auch als Privatanleger wieder einsteigen sollte? „Wir raten immer zum Kauf für Kunden, die einen langfristigen Anlagehorizont haben. Langfristig bedeutet für uns alles, was länger als fünf Jahre ist“, sagt Çiftçi und untermauert nochmals: „Sie müssen sich eigentlich relativ sicher sein, dass Sie innerhalb der nächsten fünf Jahre das Geld nicht brauchen.“
Und was ist mit der Weisheit, dass Gold ein guter Inflationsschutz ist? „Das ist kein Märchen, da gibt es eine Korrelation, aber eben nicht eins zu eins. Gold reagiert mit unkalkulierbaren Verzögerungen auf die Inflation. Es könne auch sein, dass Gold erst mit einer Verzögerung von sagen wir 23 Monaten auf einen Inflationsanstieg reagiert. „Als kurzfristige Geldanlage kann ich Gold wirklich nicht empfehlen“, warnt Çiftçi.

