Ich bin gebürtiger Iraner. Und das Schweigen, das ich dieser Tage erlebe, kenne ich auch aus Unternehmen. Es ist dieselbe Haltung: Bloß nicht anecken. Bloß nicht falsch liegen.
Die Job-KolumneSprich – auch wenn es unbequem ist

Feuer in Teheran nach Bombenangriffen am 7. März
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Samstag, 28. Februar. Ich fahre wie jeden Samstagmorgen zu meinen Eltern, um die Kinder abzuholen. Mein Vater hat wie immer Frühstück gemacht. Auf der Fahrt höre ich die Nachricht: Die USA und Israel haben den Iran angegriffen. Ich denke sofort an meine Cousine in Teheran, mit der ich erst letzte Woche gesprochen habe.
Bei meinen Eltern angekommen, frage ich meinen Vater, ob er es schon weiß. Er nickt und überreicht meiner kleinsten Tochter ihr Sandwich. Dann kommt meine Mutter in die Küche. Ich frage sie. Sie hat es noch nicht gehört. Es trifft sie wie ein Schlag. Sie schaltet den Wasserkocher an – und plötzlich weint sie. So habe ich sie seit meiner Kindheit nicht mehr weinen sehen. Drei Brüder, Schwägerinnen, eine Nichte, viele Freunde. Alle in einem Land, das gerade bombardiert wird.
Ich bin Iraner UND Deutscher. Dieser Krieg trifft mich persönlich. Aber er geht uns alle an. Nicht weil jeder Verwandte im Iran hat. Sondern weil das, was dort passiert, Grundsätze berührt, auf die wir uns alle berufen. Artikel 1 unseres Grundgesetzes sagt: „Die Würde des Menschen ist unantastbar." Nicht die Würde der Deutschen. Die Würde des Menschen.
UN-Generalsekretär António Guterres verurteilte die Angriffe noch am selben Tag. Er zitierte Artikel 2 der UN-Charta, der allen Mitgliedstaaten verbietet, Gewalt gegen die territoriale Unversehrtheit eines anderen Staates anzuwenden. Der Sicherheitsrat trat zu einer Notstandssitzung zusammen. Die Institutionen haben gesprochen. Und Deutschland? Schweigt weitgehend.
Dabei müssten gerade wir aus unserer Geschichte wissen: Krieg bedeutet Leid. Immer. Für alle. Wenn unsere engsten Partner etwas tun, das gegen die Grundprinzipien der internationalen Ordnung verstößt, dann ist Schweigen keine Neutralität – es ist Duldung. Deutschland hat aus seiner Vergangenheit eine Verantwortung abgeleitet, die nicht nur für den eigenen Kontinent gilt. „Nie wieder" war nie als geografische Einschränkung gemeint. Wer das ernst nimmt, muss auch dann den Mund aufmachen, wenn das Unbehagen groß und der Gegenüber ein Verbündeter ist.
Was mich in den vergangenen Tagen überrascht hat: Erstaunlich wenige Menschen haben mich angesprochen. Wer es tat, war vorsichtig – fast zögerlich. Und trotzdem habe ich mich über jeden einzelnen gefreut. Schweigen mag einfach und bequem sein. Aber wie so oft im Leben ist einfach und bequem nicht das Richtige. Ein aufrichtiges „Wie geht es dir?" - nicht als Floskel, sondern mit echtem Interesse - genügt vollkommen. Niemand erwartet eine politische Analyse. Es reicht zu zeigen, dass man nicht wegschaut.
Das Schweigen, das ich dieser Tage erlebe, kenne ich aus Unternehmen. Es ist dieselbe Haltung: Bloß nicht anecken. Bloß nicht falsch liegen. Wer gelernt hat, im Büro wegzuschauen, wenn Unrecht passiert, schweigt auch als Bürger. Die Gewohnheit ist identisch. Führung beginnt nicht auf der großen Bühne. Sie beginnt im Gespräch, zwischen zwei Menschen, die sich wirklich zuhören.
Was also tun? Informiert euch – nicht aus einer einzigen Quelle, nicht aus dem Feed, der nur bestätigt, was ihr ohnehin denkt. Sprecht darüber, am Küchentisch, mit Kollegen, im Freundeskreis. Und lasst euch von Prinzipien leiten. Wer klare Werte hat - Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit, der Schutz von Zivilisten - dem mag eine klare Aussage unbequem sein. Aber kompliziert ist sie nicht. Vieles bleibt nur solange kompliziert, wie niemand den Mut hat, klar Stellung zu beziehen. Das ist keine Naivität. Das ist Haltung.
Meine Mutter hat an diesem Morgen geweint. Ich konnte ihr nicht sagen, dass Deutschland hinsieht. Aber ich konnte ihr sagen: Wir sind hier. Und wir schweigen nicht.
Von nichts kommt nichts.
Zur Person und Kolumne

Sohrab Salimi
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Sohrab Salimi ist Gründer und CEO der Agile Academy. Er hat über 20 Jahre Berufserfahrung als Trainer für kleine bis sehr große Unternehmen. Sohrab Salimi lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Köln. Im „Kölner Stadt-Anzeiger“ schreibt er in seiner Kolumne „Von nichts kommt nichts“ einmal im Monat über Fragen und Themen rund um die Arbeitswelt.



