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Schulden steigenGlyphosat-Vergleich frisst Bayer-Gewinne

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Das Bayer-Kreuz im Chempark Leverkusen bei Nacht.

Bittere Pille für Bayer: Das Unternehmen hat auch 2025 wegen Rechtskosten um den Unkrautvernichter Glyphosat wieder einen Milliardenverlust eingefahren.

Bayer muss 2025 mehr als 6 Milliarden Euro für Rechtsstreitigkeiten rund um Glyphosat aufwenden. In diesem Jahr dürfte die Summe noch höher ausfallen.

Bayer steht weiter im Bann der US-Rechtsstreitigkeiten um den Unkrautvernichter Glyphosat. Das schlägt sich in der Jahresbilanz nieder. Der Posten „Sonderaufwendungen“, unter dem die Kosten für Anwälte, Gerichte und Entschädigungszahlungen zusammengefasst sind, schwoll 2025 auf 6,2 Milliarden Euro an. Das ist noch einmal mehr als im Vorjahr, als auch schon gut 5,5 Milliarden fällig wurden.

Hinzu kommt, dass das Unternehmen auch operativ auf der Stelle tritt. Der Konzernumsatz legte bereinigt um negative Währungseinflüsse um magere 1,1 Prozent zu. Unterm Strich verbucht Bayer einen Verlust von 3,6 Milliarden Euro. Im Vorjahr war es noch gut eine Milliarde Euro weniger.

Mini-Wachstum prognostiziert

Kurzfristig wird sich daran nichts ändern. Bayers scheidender Finanzchef Wolfgang Nickl kündigte auf der Bilanzkonferenz ein „stabiles Ergebnis je Aktie“ an. Gemeint ist ein Mini-Wachstum in der Spanne von null bis drei Prozent. Auch die Rechtskosten werden weiter hoch liegen und Bayer im laufenden Jahr erneut Milliardenverluste einbringen. Allein der kürzlich mit Klägeranwälten ausgehandelte Vergleich soll – wenn er denn zustande kommt – 2026 Zahlungen an Krebspatienten in den USA in Höhe von rund fünf Milliarden Euro auslösen, weitere Milliarden sollen in den Jahren darauf folgen. Kosten für laufende Verfahren und die juristische Vertretung von Bayer sind hierbei noch nicht eingerechnet.

Bill Anderson, Vorstandsvorsitzender von Bayer, auf der Bilanz-Pressekonferenz des Unternehmens.

Bill Anderson beklagt eine Klagejustiz in den USA, die jeden Haushalt 4000 Dollar im Jahr koste.

Konzernchef Bill Anderson erneuerte in dem Zusammenhang seine Kritik am US-Justizsystem. 600 Milliarden US-Dollar würden damit in den USA jährlich umgesetzt. „Das entspricht im Schnitt mehr als 4000 Dollar, die jeder US-Haushalt dafür aufwenden muss“, so Anderson. „Wenn also in der Debatte demnächst mal wieder gefordert wird, den großen Konzernen eins auszuwischen, sollte auch gleich gefragt werden, wer eigentlich die großen Konzerne sind und wer letztlich die Kosten trägt.“ Bayer-Aktionäre kennen die Antwort. Sie erhalten auch für das abgelaufene Jahr nur eine gesetzlich vorgeschriebene Minimal-Dividende von elf Cent je Anteilsschein. Auf die Nachfrage, ob Bayer an der Ausschüttungspolitik festhalte, konnte der Bayer-CEO nur ausweichend antworten, das sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht entschieden.

Verschuldung wird steigen

Groß ist der Spielraum für Wohltaten gegenüber den Aktionären auch in Zukunft nicht. Die Nettoschulden von Bayer, 2025 vornehmlich durch den schwachen US-Dollar knapp unter die Marke von 30 Milliarden Euro gerutscht, werden 2026 wieder ansteigen. Die geplante Befriedung von Rechtsstreitigkeiten wird die Schuldenlast wieder in eine Höhe von 32 bis 33 Milliarden Euro treiben. Keine leichte Mission für Judith Hartmann, die seit Anfang des Monats Finanzvorständin des Konzerns ist und die schwierige Aufgabe hat, das Kreditrating von Bayer stabil zu halten.

Als positive Nachricht verbuchen die Leverkusener Fortschritte beim internen Bürokratieabbau. Anderson lobt das Programm „Dynamic Shared Ownership“ als Teil eines „umfassenden Turnarounds“. Rund 14.000 Stellen hat der Konzern seit Beginn der Maßnahme weltweit abgebaut. Auch wenn Bayer sich dagegen wehrt, die Initiative als Sparprogramm zu bezeichnen, sollen doch bis Ende des Jahres auf diese Weise die Kosten um rund zwei Milliarden Euro niedriger liegen als zu Beginn des Umbaus vor dann rund drei Jahren.

Umsatzknick bei Pharma bleibt aus

Zuversicht geben auch die jüngsten Erfolge der Pharma-Sparte. Der befürchtete Umsatzknick nach dem Auslaufen des Patentschutzes auf den Gerinnungshemmer Xarelto blieb aus, weil Bayer mit Nubeqa zur Behandlung von Prostatakrebs und Kerendia, das im Zusammenhang mit Nierenerkrankungen verabreicht wird, Ersatz gefunden hat. Die Wachablösung im Pharma-Portfolio wird sich 2026 fortsetzen. Das Bayer-Management traut den beiden neuen Blockbustern jeweils ein Umsatzwachstum von 50 Prozent binnen Jahresfrist zu. Die Einnahmen aus dem Vertrieb von Xarelto sollen dagegen in einer Größenordnung von 35 bis 40 Prozent weiter abschmelzen. Treten die Prognosen ein, dürften das aufsummierte Ergebnis der Pharma-Division zumindest stabil bleiben.

Für die Zeit danach gilt Asundexian als Bayers größter Hoffnungsträger. Das Unternehmen spricht von „bahnbrechenden Ergebnissen“ beim Schutz vor Folge-Schlaganfällen. Das Medikament könnte also potenziell bei Millionen von Betroffenen das Risiko mindern, erneut einen Schlaganfall zu erleiden. Dafür muss Asundexian allerdings dauerhaft verabreicht werden, was für Bayer enormes Umsatzpotenzial verspricht.

US-Bezirksgericht genehmigt Vergleich

Ob das Unternehmen sich aus dem Glyphosat-Dilemma befreien kann, wird maßgeblich davon abhängen, wie viele der rund 65.000 Kläger in den USA sich auf den jüngst ausgehandelten Vergleich einlassen. Einen ersten Teilerfolg auf diesem Weg konnte Bayer gestern Abend vermelden. Das US-Bezirksgericht in St.Louis, wo die Bayer-Tochter Monsanto sitzt, hat den Sammelvergleich grundsätzlich genehmigt. In den kommenden 90 Tagen sind die Kläger nun aufgefordert, Einwände gegen die Regelung vorzubringen oder aus der Vereinbarung auszusteigen. Erfolgt das nicht, gilt der Vergleich als angenommen.

Andererseits setzt Bayer auf eine höchstrichterliche Entscheidung vom US Supreme Court, die Klagen auf der Basis von Bundesrecht einen Riegel vorschieben könnte. Mit diesem Urteil könnte sich Bayer bis zu 80 Prozent der laufenden Klagen entledigen. Im Kern gehe es bei dem Prozess darum, ob eine komplexe, wissenschaftliche Begutachtung von Experten von einer Schöffen-Jury überstimmt werden dürfe, so die Darstellung Andersons.

Supreme Court entscheidet Ende Juni

Die Leverkusener verspüren Rückenwind in der Frage von 15 US-Bundesstaaten, der US-Handelskammer und nicht zuletzt der Trump-Administration, die sich unterstützend zum Bayer-Anliegen geäußert haben. Man sei „vor allem dankbar für die Unterstützung von US-Landwirtschaftsverbänden, die am besten wissen, wie wichtig Glyphosat für ihre essenzielle Arbeit ist“, so Anderson. Ein Urteil in diesem Prozess wird in der zweiten Junihälfte erwartet. Die laufenden Klagen in hunderten von Gerichtssälen „müssen aufhören“, unterstrich der Bayer-CEO. Das Urteil habe nicht nur Auswirkungen auf den Umgang mit Glyphosat in den USA, sondern auch auf neue Pflanzenschutzmittel, die in der Zukunft eingeführt würden. 

Das Zahlwerk sorgte für Ernüchterung bei Investoren. Sie quittierten den Bayer-Ausblick an einem sonst freundlichen Börsentag mit Abschlägen von zwischenzeitlich mehr als sieben Prozent.